Gleich hinter der Tür des Projektraums Tanas empfängt den Besucher eine fünfstufige Treppe aus Holz, über die er gehen muss, wenn er in die Ausstellung „iBerlin“ gelangen will. Mit der Arbeit „Ascend“ will der türkische Künstler Vahap Avs,ar das Publikum darauf aufmerksam machen, dass es jetzt die alltägliche Routine verlässt. Avs,ar stellt Bilder zur Schau, die das kollektive Gedächtnis der türkischen Gesellschaft seit den 70-er Jahren geprägt haben.

Vahap Avs,ar, 1965 im türkischen Malatya geboren, lebt in New York, wo er seine künstlerische Laufbahn für die Arbeit an seinem Modelabel „Brooklyn Industries“ unterbrach. Dennoch entstanden seit 1983 zehn Serien in verschiedenen Medien: Video, Skulptur und Installation. Seine wichtigste visuelle Quelle sind die Postkarten und Poster der türkischen Druckerei AND, die 1999 bankrott ging. Avs,ar kaufte vor zwei Jahren das gesamte Archiv der Druckerei, bevor es verloren gehen konnte. Man kann ihn einen Retter türkischen Kulturerbes nennen. Eine Auswahl der Drucke bildet nun das Zentrum seiner Ausstellung bei Tanas.

Die 100 Bilder der Serie „Originals“ reichen von religiöser Propaganda bis zu nationalistischen Volkshelden. Sie machen nicht nur die sozialen Strukturen in verschiedenen Epochen sichtbar, sondern auch die Gefühle und Stimmungen der Gesellschaft. Eines der stärksten Bilder ist ein Ölgemälde mit dem Namen „Ali, the Lion of Allah“, eine Kopie des berühmten Bildnisses von Ali, dem Propheten der Aleviten. Dieses Bild, das Aleviten wegen Repressalien immer versteckt halten sollten, war seit der Schließung der Druckerei nicht mehr aufzufinden. Avs,ar belebt die Erinnerungen, indem er das verlorene Bild erneut zur Verfügung stellt: Besucher können einen Druck mitnehmen, zudem ist es in Berlin plakatiert. So regt er eine neue Diskussion über die Rolle Alis und der Aleviten an.

Mehr als eine direkte inhaltliche Kritik an den Ikonen interessiert Vahap Avs,ar deren Repräsentation und Reproduktion. Seine Fotoserie „Chief Commander“ zeigt Skulpturen, die auf türkischen Straßen an Atatürk erinnern. In dem  Video „Tekmil“ tritt Avs,ars ehemaliger Kommandant beim Militär auf und antwortet auf Befehle, die ihm hier, in vertauschten Rollen, der Künstler erteilt. In beiden Arbeiten kristallisiert sich die Absurdität der patriarchalen Strukturen heraus, die die türkische Gesellschaft verinnerlicht hat, ohneihre Bedeutungen zu hinterfragen.

 (veröffentlicht in Zitty / 13.03.2012)